beRATen e.V. Hannover - Logo

Geschichte des Neo-Salafismus

Das Phänomen des Salafismus heute ist in seiner Form in der islamischen Geschichte einmalig. Nichtsdestotrotz begegnen uns Begriffe wie Salafīya oder Salafismus schon eher. Vor einigen Jahren hat die Wissenschaft einheitlich unter dem Begriff Salafismus eine Reformbewegung aus dem 19. Jahrhundert verstanden. Begriffe wie Salafīya oder Salafismus werden aus dem Arabischen as-salaf as-sâlih, was mit „die frommen Altvorderen“ übersetzt werden kann, abgeleitet. Die salaf as-sâlih waren die Urgemeinde der Muslime, die sich aus den ersten drei Generationen zusammensetzt.


  1. Die erste Generation, die Sahāba, waren die Gefährten des Propheten Mohammed. Sie waren Personen, die Mohammed erlebt haben.
  2. Die zweite Generation, die Tābi‘ūn, sind die Nachfahren der Sahāba. Personen, die den Propheten Mohammed nicht gesehen, gesprochen, gehört haben.
  3. Die dritte Generation der Urgemeinde, die Tebeu’t-tabiin, sind die Nachfahren der Tābi’ūn.


Diese Gemeinschaft war keineswegs homogen, wie es gerne von der salafistischen Szene suggeriert wird. Eine Vielfalt an Schulen und Meinungen war vorhanden.


In der islamischen Geschichte wurde durchgehend auf die Urgemeinde verwiesen. Auch Gelehrte wie Taqī ad-Dīn Aḥmad b. Taimīya (gest. 1328), der zudem der hanbalitischen Rechtsschule folgte. Er lehrte, dass der wahre Islam nur über das wortwörtliche Verständnis des Korans und der original getreuen Nachahmung der Sunna, der Prophetentradition, zu erschließen sei. Dies bedeutete der salaf as-sâlih zu folgen. Einige Jahrhunderte später orientierte sich Muḥammad ibn ʿAbd al-Wahhāb (gest. 1782) an den Thesen von Ibn Taimīya und legte diese für sich seinem Verständnis entsprechend aus. Auch er predigte, dass der Koran nicht metaphorisch verstanden werden könne und ein wahrer Muslim sich auf die Altvorderen (nach seinem Verständnis) rückbesinnt. Wer dies nicht tat, wurde als Ungläubiger betitelt, der bekämpft werden müsse. Reformen und Veränderungen lehnte er strikt ab. Auch wenn zu Beginn seine Ansichten auf Widerstand stießen, ging er ein Bündnis mit dem Stammvater der saudischen Herrscherfamilie Muhammed Bin Saud (gest. 1765) ein. Bis heute steht die Allianz zwischen dem saudischen Königshaus und den wahhabitischen Gelehrten.
Ein wichtiger Name der Reformbewegung aus dem 19. Jahrhundert ist Muhammad ʿAbduh (gest. 1905). Auch er besann sich auf die as-salaf as-sâlih zurück, jedoch mit Blick auf die Zukunft. Fortschritt und soziale Erneuerung waren das Ziel unter Wahrung einer bestimmten muslimischen Identität. Der Koran und die Sunna sollen rational und unter zeitgenössischen Umständen neu interpretiert werden.


Um 1927 entstand die Muslimbruderschaft in Ägypten. Die Muslimbrüder ist eine der wichtigsten fundamentalistischen Bewegungen, die durch die Ideologie der Salafīya Bewegung inspiriert wurde. Gegründet wurde sie unter anderem durch Ḥasan Aḥmad ʿAbd ar-Raḥmān al-Bannā (1906-1949). Sie entstand als Antwort auf die britische Besatzung. In den nächsten Jahren entwickelte sie sich zunehmend politisch und verlangte eine Ordnung nach islamischem Recht und die Rückkehr zum wahren Islam, wie er in seinem Ursprung war. Der Unterschied zu der Reformbewegung von ʿAbduh liegt darin, dass sich ʿAbduh für eine Veränderung durch eine Reform des Bildungswesens einsetzte. Hier wieder das Motiv der Rückbesinnung auf die salaf as-sâlih. Al-Bannā trat für den bewaffneten Dschihad gegen Nicht-Muslime ein. Die Bewegung wuchs sehr rasch heran und verbreitete sich in Nachbarländer wie Syrien und Jordanien.


Zu den Muslimbrüdern gehörte auch Sayyid Quṭb (gest. 1966). Er trieb die ideologische Radikalisierung voran. Quṭb prägte grundlegende Begriffe für islamistische Bewegungen. Er war der Ansicht, dass die gesamte muslimische Welt sich in der Ǧāhilīya, einer vorislamischen Zeit der Unwissenheit, Barbarei und Ignoranz, befinde. Die liege darin, dass nicht Gottes Wort herrsche, sondern der Mensch mit seiner Willkür. Selbst wenn Einzelne nach dem wahren Islam leben würden, wäre die Gesamtgesellschaft lange noch nicht islamisch. Er vertrat die Meinung, dass die Ǧāhilīya auch mit Gewalt beseitigt werden müsse, als Glaubenskrieg.


Dies ist nur ein sehr kurzer Einblick in die Geschichte für den Überblick. Für einen tieferen Einblick empfehlen wir Ihnen folgende Lektüren:
„Salafismus in Deutschland – Ursprünge und Gefahren einer islamsich-fundamentalistischen Bewegung“; Thorsten Gerald Schneiders (Hg.); 2014 transcript Verlag, Bielefeld
„Salafismus – Fundamentlaistische Strömungen und Radikalisierungsprävention“; Rauf Ceylan und Michael Kiefer; 2013 Springer VS, Wiesbaden

Stand: 05.11.2015